Oberwarter Romnija und Roma

Urkunde

Text: Gerhard Baumgartner

„Wir, Christof Batthyány, Erbherr der Burg Güssing, geweihter Ritter des Heiligen Römischen Reiches, ... geben bekannt, allen die es wissen sollen, vor allem aber dem Ober- und Vizegespan, dem Kapitänleutnant, den Hofrichtern, den Dreißigstnehmern und Zöllnern und anderen Beamten, Bürgermeistern, den Richtern der Städte und der Dörfer, daß der Woiwode Martin Sárközi, der diesen Brief vorzeigt, und die zu ihm gehörigen Zigeuner nirgends eine feste Residenz haben und gezwungen sind – um das Leben zu erhalten und sich zu ernähren und ihr Handwerk auszuüben – mitsamt ihren Zelten hin und her zu ziehen. Damit diesen Elenden weder unterwegs noch an anderen Orten nirgends durch irgendwelche beamteten Personen Kränkung widerfährt, bitten und ermahnen wir jedermann, die oben Genannten und alle, die es angeht, dass sie den Woiwoden Martin Sárközi und die dazugehörenden zeltbewohnenden Zigeuner weder in ihrem Besitz noch in ihrer Person kränken, noch ihnen durch andere Leid zufügen lassen und sie in keiner Weise zu Diensten anhalten. Niemand soll sie zwingen, sie sollen vielmehr überall, wo sie umherziehen, ihren Beruf frei ausüben. Sie sollen außer diesem Zigeuner Martin Sárközi unter den Zigeunern keinen anderen Woiwoden nehmen, sondern dieser soll ihnen befehlen. Von ungarischer Seite wird Herr Ludwig Gori bestellt, dass er ihr Pfleger und Woiwode sei und die ganze Schar von Wien abhänge. Es wird hinzugefügt, dass sie jährlich im Frühling, am Mittwoch der Karwoche, zu unseren Händen jene 25 Taler Steuer unter strenger Strafe bezahlen, entweder in Geld oder in einem guten Ross im selben Wert.
Rechnitz, am 15. Februar 1674. Graf Christof Batthyány“

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Ansiedlungsurkunde von Christof Batthyány 1674

Die so genannte Ansiedlungsurkunde der burgenländischen Roma war wahrscheinlich ein Schutzbrief, den der Grundherr der batthyányschen Besitzungen für die auf seinen Gütern lebenden Roma ausstellte. Der in dieser Urkunde erwähnte Woiwode Martin Sarközi dürfte wohl mit seinen Leuten zum Söldnerheer der Batthyánys gehört haben, wo sie vermutlich als gesuchte Waffenschmiede eingesetzt waren. Dass man samt Familie in den Krieg zog, war damals allgemein üblich, so dass es im Tross des Heeres zahlreiche Frauen und Kinder gab. Im Winter – einer Jahreszeit, in der bis ins 18. Jahrhundert üblicherweise nicht gekämpft wurde – wurden die Angehörigen des Heeres entlassen und durften sich bei Bauern in den untertänigen Dörfern des Grundherrn einquartieren. Auf diese Praxis bezog sich damals wohl auch dieser Schutzbrief. Vermutlich dürfte das Dokument damals im Archiv der Kirchengemeinde zur sicheren Aufbewahrung hinterlegt worden sein, um es vor Verlust, Diebstahl oder Zerstörung zu schützen.