György Gedeon Rohonczy
Die Zeitschrift profil bezeichnete György Rohonczy in den 1990er-Jahren in einem doppelseitigen Artikel als den „burgenländischen Schindler“. Nach heutigem Forschungsstand gelang es Rohonczy, 121 Roma und Romnja aus dem Lager Lackenbach herauszuholen.
Familie
György Gedeon Rohonczy wurde am 1. Dezember 1884 in Czernowitz in eine adelige Familie geboren. Seine Eltern waren Baron György Farkas Rohonczy (*1837) und Freiin Maria (*1844), geborene Kress von Kressenstein und Kraftshofen. Die Familie Rohonczy hatte ihren Stammsitz in Oberpullendorf/Felsőpulya und besaß dort das Kastell sowie seit 1901 auch das Herrenhaus und den Meierhof in Mitterpullendorf/Középpulya.
Zeitzeug:innen beschrieben Rohonczy als kultivierten, belesenen und polyglotten Mann. Er galt als kinderliebend, humorvoll, umgänglich und freigiebig. Er pflegte enge Beziehungen zur Roma-Community der Region und schätzte insbesondere die Musik der Roma. Bei Hochzeitsgesellschaften war er ein gern gesehener Gast. Er spielte Klavier und Geige und beherrschte laut Überlieferungen mindestens 50 bekannte Lieder und Weisen.
Ausbildung
Rohonczy studierte Rechtswissenschaften in Budapest und kehrte anschließend als Jurist nach Oberpullendorf zurück, wo er als Bezirks-Stuhlrichter tätig war. Als überzeugter Monarchist beendete er 1921 aufgrund der Ausrufung der Republik seinen Dienst. In der Folge wurde er Land- und Forstwirt und begann, seinen Gutshof in Mitterpullendorf mit Arbeitskräften zu bewirtschaften. Sein Besitz umfasste 74 Hektar Grund, davon 34 Hektar Ackerland, 28 Hektar Wald sowie 12 Hektar Wiesen, Weiden und Gärten. Am Meierhof gab es vier Pferdegespanne, im Stall standen bis zu 25 Milchkühe.
Zweiter Weltkrieg
Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Arbeitskräfte des Rohonczy-Gutshofs nach und nach zur Wehrmacht eingezogen, was die Bewirtschaftung zunehmend erschwerte.
Ende 1940 errichteten die Nationalsozialisten das sogenannte „Zigeunerlager“ in Lackenbach (NS-Terminologie), in das zahlreiche Roma und Romnja auch aus der näheren Umgebung deportiert wurden. Der Großteil der Roma und Romnja wurde zur Zwangsarbeit außerhalb des Lagers in der Landwirtschaft und in verschiedenen Betrieben abkommandiert. Die tägliche Arbeitszeit betrug bis zu elf Stunden. Die Zwangsarbeiter:innen erhielten nur einen Bruchteil des ohnehin geringen Lohnes, der größere Teil wurde an die Lagerleitung überwiesen.
Rohonczy erfuhr von den unmenschlichen Bedingungen im Lager und fasste den Entschluss, Roma und Romnja aus dem Lager herauszuholen. Der Gutshof war als kriegswichtiger Betrieb eingestuft und belieferte unter anderem das Krankenhaus in Oberpullendorf mit Milch und Lebensmitteln.
Rohonczy fuhr mit dem Pferdewagen regelmäßig in das Lager Lackenbach und forderte bewusst deutlich mehr Arbeitskräfte an, als er tatsächlich benötigt hätte. Auf diese Weise gelang es ihm, Gruppen von 15 bis 20 Personen – Männer, Frauen und Kinder – aus dem Lager zu holen. Nach einiger Zeit brachte er weitere rund 50 Personen als Erntehelfer:innen auf seinen Gutshof. Sie wohnten in Arbeiter:innenunterkünften am Meierhof und erhielten angemessene Verpflegung.
Im Lagertagebuch Lackenbach taucht der Name Rohonczy wiederholt auf. So heißt es etwa am Dienstag, dem 11. November 1941: „Zur Gutsverwaltung Baron Rohonczy gehen 6 Zigeuner zur Rübenarbeit ab“ (NS-Terminologie).
Oder am Donnerstag, dem 8. Jänner 1942: „Rückkehr Arbeitsplatz außerhalb des Lagers: 4 Zigeuner vom Baron Rohonczy, Oberpullendorf“ (NS-Terminologie).
Weiters wurden zwei Roma, die „beim Baron Rohonczy Oberpullendorf“ beschäftigt waren, am 6. und 8. Jänner 1942 in das Krankenhaus Oberpullendorf eingeliefert.
Zeitzeug:innen nannten die Familiennamen der Roma und Romnja, die am Mitterpullendorfer Meierhof gearbeitet hatten: Horváth, Pápai, Sárközi, Schraml, Baumgartner und Puecker. Diese Angaben werden durch Opferfürsorgeakten bestätigt. So war etwa Theresia Horváth, geboren 1906 in Kaisersdorf und verheiratet in Langental, von Oktober 1941 bis Juli 1942 im Lager Lackenbach interniert. Im Juli 1942 wurde sie dem Gutshof als Arbeitskraft zugewiesen und blieb bis zum 29. März 1945 am Meierhof. Dies wurde von einem Gendarmerieposten-Kommandanten bestätigt.
Brenzlig wurde es für Romnja am Rohonczy Gutshof als die Rückstellung in das Lager Lackenbach drohte, wo bereits die Deportationen einsetzten. Es kam zu wiederholten Fluchtversuchen nach Ungarn, die Rohonczy aktiv unterstützte. Mindestens 50 als Landarbeiter:innen eingesetzte Roma und Romnja konnten sich schließlich über die Grenze nach Ungarn absetzen und sich so der nationalsozialistischen Verfolgung entziehen. Rohonczy wurde für seine Hilfeleistungen von den NS-Behörden nie belangt.
Nach Kriegsende wurde Rohonczy von sowjetischen Truppen verhaftet und nach Wien gebracht, konnte jedoch bald auf den Meierhof nach Mitterpullendorf zurückkehren. Hier lebte er in bescheidenen Verhältnissen und finanzierte seinen Lebensunterhalt durch den schrittweisen Verkauf seiner Grundstücke. Weiterhin versuchte er, Roma und Romnja aus der Umgebung zu unterstützen, indem er sie als Erntehelfer:innen auf seinem Gutshof beschäftigte.

Vorbild
Nach dem Tod seines Wirtschafters nahm Rohonczy dessen Kinder bei sich auf und ermöglichte ihnen den Schulbesuch. Darüber hinaus adoptierte er ein Mädchen, das er später als Erbin einsetzte. Während des Ungarnaufstands 1956 versorgte er ungarische Flüchtlinge und gewährte ihnen über mehrere Wochen Unterkunft auf seinem Meierhof. Auch die Flüchtlingshilfe der Malteser unterstützte er.
Die örtliche, 1970 gegründete Pfadfindergruppe „Rohonczy“ trägt seinen Namen. Er hatte ihr das Areal bei der sogenannten „Kaisereiche“ zur Nutzung überlassen. György Gedeon Rohonczy verstarb Ende April 1975 und wurde in der Familiengruft der Kirche von Mitterpullendorf beigesetzt.